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  • domenikarinke

Du oder Sie? Was MACHT die Ansprache mit Organisationen?

Aktualisiert: 30. Nov.

"Das Du ist respektlos, unprofessionell und distanzlos." Oder "Das Du führt zur Verrohung der Gesellschaft." - Alles schon gehört. Wenn das so ist, frage ich mich, wie Organisationen mit einer "Du-Kultur" überhaupt überleben können. Ich kenne beides bzw. alle drei Varianten: Persönlich habe ich in und mit Unternehmen gearbeitet, die eine "Du-Kultur" leben, eine "Sie-Kultur" bevorzugen und ich habe auch Mischformen kennengelernt, in denen es unklar war, ob man nun duzt oder siezt. In diesem Beitrag erläutere ich die Unterschiede anhand meiner Erfahrungen und erkläre, warum es eine Macht-Frage ist und das Du zur Normalität werden sollte.


Im Überblick:

I. Das Sie als implizites Machtmittel

II. Die Sie-Organisation

III Die Du-Organisation

IV. Die Mischform

V. Fazit: Darf man das Du aufzwingen?


#gerneperDu #newwork #augenhöhe


Das Sie als implizites Machtmittel

Vor wenigen Tagen hatte ich eine Diskussion über LinkedIn mit einem - er hat sich selbst so bezeichnet - Dinosaurier. Ich nenne ihn F. Wir haben über New Work und das Du bzw. Sie per Nachrichten diskutiert (trotz meines Angebots persönlich ins Gespräch zu gehen). Diese Diskussion hat mir noch einmal vor Augen geführt, welche Macht-Mechanismen dahinter stecken und warum es ein Thema ist, über das wir viel intensiver nachdenken sollten. Lese selbst:

F. bezeichnet New Work als übergriffiges Konzept, was seiner Meinung nach bereits mit dem Du anfängt. New Work als Konzept zu bezeichnen finde ich sehr merkwürdig und zeigt mir, dass er sich mit dem Neuen Arbeiten noch nicht auseinandergesetzt hat. New Work ist so vielfältig wie es Organsiationen gibt und die passende Umsetzung sieht für jedes Unternehmen anders aus. Mal ist das Du ein Teil davon, dann wieder nicht.


Betrachtet man New Work jedoch genauer, geht es auch um den Abbau der bestehenden und künstlich erzeugten Machtstrukturen. Aus vielerlei Aspekten hindern sie die Menschen sich zu entfalten und eine Organisation zum Blühen zu bringen. Durch die Diskussion über das Sie wird eine (kulturelle) Facette der gesellschaftlich erschaffenen Machstruktur deutlich. (Deshalb würde ich F. heute vermutlich anders antworten und klar sagen, dass das Du für mich eindeutig etwas mit New Work zu tun hat. Aber unabhängig davon war es schon immer meine persönliche Präferenz.)


Durch seine nächste Nachricht wird noch einmal deutlicher, was ich mit Machtstruktur meine. F. macht mir nämlich klar, wie die Kommunikation in unserer Gesellschaft zu laufen hat. Seine Antwort verdeutlicht mir allerdings, wie tief diese Machtstrukturen sitzen und dass sie dringend hinterfragt werden müssen. Und die Brücke zu #metoo finde ich absolut unangemessen.

Er, als der Ältere entscheidet, ob und wann er mir das Du anbieten möchte. Ich muss mich also als würdig erweisen und abwarten, bis es für ihn ok ist. Das Du-Angebot liegt zu 100% bei ihm und es geht nicht um eine gemeinsame Entscheidung.


Natürlich könnte ich danach das Du ablehnen (aber wer macht das schon, wenn er:sie respektvoll sein möchte oder von der anderen Person abhängig ist?).


Dieser Adultismus (ein Begriff für die Machtungleichheit zwischen Erwachsenen und Kindern) zieht sich seit Beginn unseres Lebens durch die Gesellschaft. Und macht auch vor Organisationen keinen Halt. Hier kommt eine weitere Machtstruktur hinzu: Die Hierarchie. Wer darf nun wem das Du anbieten? Nur die Führungskräfte? Nur gegenüber auserwählten Personen? Und was sagt das über eine Organisation aus?


Die Diskussion mit F. hat nach diesen Nachrichten nicht geendet. Es ging weiter mit dem Thema Augenhöhe und mit weisen Ratschlägen an mich, die ich Dir an dieser Stelle allerdings ersparen möchte. Geendet haben die Nachrichten, nachdem ich ihn zum wiederholten Male um ein persönliches Gespräch gebeten habe, weil mir das Schreiben über LinkedIn zu müßig war. Dies lehnte er ab und verabschiedete sich.


Hängen geblieben ist für mich allerdings nur eins: Über das Thema muss gesprochen werden, denn es sagt mehr aus, als eine persönliche Entscheidung der Ansprache. Wenn ich zurückblicke wird es anhand meiner Erfahrungen noch deutlicher.


Die Sie-Organisation

Meine erste Beschäftigung hatte ich in einer "Sie-Organisation". Damit meiner ich Organisationen, in denen sich alle Mitarbeitenden und Führungskräfte grundlegend erstmal siezen. Dabei muss jede Person individuell verhandeln, ob sie sich mit einer anderen Person duzen oder siezen möchte. Hier gilt in der Regel das Recht der älteren Person. Schwieriger wird es dann, wenn auch noch Hierarchien hinzukommen. Dann ist es oftmals der:die Vorgesetzte, der:die bestimmt.


In Sie-Kulturen kann es durchaus passieren, dass sich in einem Team oder einer Abteilung die Personen unterschiedlich ansprechen. Einige sind mit den Vorgesetzen per Du, andere nicht. Unter den Mitarbeitenden gibt es ein ähnliches Mischmasch-Bild. Für mich persönlich war es merkwürdig mit Menschen eng zusammenzuarbeiten, mit denen ich mich sieze. Und hat man sich in den Augen der anderen Person bewiesen, wurde einem das Du angeboten. Das wurde dann regelrecht zelebriert. Die Kriterien, die für das Du erfüllt werden müssen, bestimmt ganz alleine die ältere oder ranghöhere Person.


Was mir aufgefallen ist: In "Sie-Organisationen" wurde es sehr hervorgehoben und als etwas besonderes angesehen, wenn eine Person mit einer anderen per Du war: "Ich kann mit ihm sprechen, wir sind per Du." oder "Endlich hat er mir das Du angeboten." Was ist aber, wenn Personen mit den Kolleg:innen oder dem:der Chef:in nicht per Du sind? Sind Sie dann nicht so wichtig? Was bedeutet das für die Atmosphäre?


In dem Team, in dem ich gearbeitet habe wurde teils geduzt und teils gesiezt. Ich habe leider keinerlei Teamspirit festgestellt. Allgemeingültig kann man sicherlich nicht sagen, dass das Du etwas mit dem Teamspirit zu tun hat, aber ich bin fest davon überzeugt, dass es einen Einfluss darauf hat. Es nimmt nämlich die Distanz und stellt die persönliche Beziehung in den Vordergrund.


Die Du-Organisation

Andersherum habe ich auch (zunächst erstmal ungewohnt) in einer "Du-Organisation" gearbeitet: Jede:r wurde geduzt, egal welche Position. Hieran musste ich mich auch erstmal gewöhnen. Insbesondere merkwürdig war es zu Beginn für mich die ranghöheren Vorgesetzte alle durchweg zu duzen.


Mit Du-Organisation meine ich also Organisationen, in denen grundsätzlich geduzt wird. Es gibt also keinen Unterschied zwischen Mitarbeitenden, egal welchen Alters oder welcher Position.


Die große Angst, dass der Respekt verloren geht, konnte ich nicht feststellen. Ganz im Gegenteil: Der Respekt war von vorneherein da, einfach weil man respektvoll miteinander umgeht. Das ist das Geheimnis!


Natürlich schafft das Du auch eine gewisse Nähe, die ich jedoch sehr förderlich für die Zusammenarbeit empfunden habe. Vor allem schafft es schnell ein Wir-Gefühl und Zugehörigkeitsgefühl, das unerlässlich ist für eine gute Zusammenarbeit. Außerdem muss man sich keine Gedanken darüber machen, ob ich die Person duzen oder siezen darf. Auch wenn es zu Beginn ungewohnt war, war es ein tolles Gefühl gleich angenommen zu sein und schnell habe ich mich an das Du gewöhnt.


"Du Arschloch ist einfacher als Sie Arschloch." Ist auch ein bekannter Spruch, den ich immer wieder gehört habe. Den konnte ich überhaupt nicht nachvollziehen. Warum überhaupt Arschloch? Selbstverständlich kommt es auch mal vor, dass es die eine oder andere Person gibt, mit der man lieber mehr Distanz hätte. Und dann kommt der Gedanke schnell hoch: "Mit ihr:ihm wäre ich lieber per Sie." Aber was sagt das wirklich? Es ist wohl eher ein Anzeichen, dass etwas in der Beziehung nicht stimmt. Ein offenes Gespräch wäre dann vermutlich angebrachter, als sich das Sie herbeizuwünschen. Diese Ausnahme sollte jedoch nicht die Regel bestimmen.


Die Du/Sie-Organisation

Am anstrengendsten empfand ich die "Misch-Kulturen". Als Mischkulturen bezeichne ich Organisationen, in denen es keine "klare Linie" gibt. Grundsätzlich wird zwar gesiezt, aber in der Realität duzen sich die meisten. Zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitenden gibt es oft Unterschiede, aber nicht immer. Es ist nicht eindeutig erkennbar, wann man wen duzen darf. Da kann einem auch mal schnell ein Fauxpas passieren.


Im eigenen Team war es auch nicht von vorne herein selbstverständlich, dass sich gleich alle duzen. Es hat bei der ein oder anderen Person länger gedauert bis sie mir das Du angeboten hat. Letztlich war das Du in dem Team aber Normalität.


Was ich erlebt habe war, dass beispielsweise in manchen Veranstaltungen von den Moderator:innen gesiezt und in manchen geduzt wurde. Wenn das bei zwei aufeinanderfolgenden Onboarding Veranstaltungen passiert, erkennt man schnell, dass es hier in der Organisation keine klare Linie gibt.


Trifft man bei Meetings auf neue Personen - egal ob Führungsperson oder nicht - ist es nicht klar, ob nun geduzt oder gesiezt wurde. Teilweise haben Führungskräfte in Workshops das Du angeboten und später auf dem Flur wurde wieder gesiezt. Für mich war das immer sehr irritierend.


Relativ zu Beginn meiner letzten Festanstellung hatte ich die Möglichkeit mit dem heutigen Vorstandsvorsitzenden der Organisation über dieses Thema zu diskutieren. Ich habe ihm als "Newbie" der Organisation meine Eindrücke geschildert. Auch, dass ich als Moderatorin mit ihm einmal einen Workshop gemacht habe, dass wir uns dort geduzt haben und nun wieder siezen. Ich erzählte ihm, dass mich diese Mischkultur irritiert und war an seiner Perspektive interessiert. Vor allem, wenn man sich als "Familie" bezeichnet, würde es doch nur Sinn machen. In diesem Zusammenhang hat er mir und meinem Team das Du angeboten und sagte, dass ich mir darüber keine Gedanken machen solle. Meinen Vorschlag, (wie es andere Konzerne schon gemacht haben) allen Mitarbeitenden das Du anzubieten und eine einheitliche Linie zu schaffen, hat er damals nicht unterstützt (vielleicht sogar belächelt). Aber auch das wäre ja nur ein Angebot und wer es annehmen möchte, macht es und wer nicht, der:die lässt es. Das bringt mich zu der Frage:


Darf man das Du aufzwingen?

Nein, natürlich nicht. Meiner Meinung nach darf aber (entgegen der gesellschaftlichen Norm) jede:r, egal welchen Alters oder Rangs, das Du anbieten. Es heißt ja nicht, dass es die andere Person auch annehmen muss. In Organisationen würden das Management und die Führung sicherlich hilfreich sein, wenn sie ihren Mitarbeitenden das Du generell anbieten. Es bringt uns in den Organisationen und in der Gesellschaft sicherlich einen Schritt weiter die Machtstrukturen zu hinterfragen.


Was ich außerdem erlebe ist, dass vor allem Menschen das generelle Du verteufeln, die es noch nie anders erlebt haben. Deshalb wünsche ich mir, dass sie es einfach mal ausprobieren und auch dem Gefühl, das damit verbunden ist, eine Chance zu geben. Es schafft nämlich weniger Distanz und kann bspw. zu wunderbaren, offenen Gesprächen führen. Hast Du Dich schon einmal gefragt, was es über Dich selbst aussagst, wenn Du auf das Sie bestehst?


Ich wünsche mir mehr Reflektion und Offenheit für das Thema. Ich favorisiere ganz klar das Du. Deshalb sprecht mich #gerneperDu an, mit dem Sie bin ich aber auch vollkommen ok. :)

 

Du möchtest Dich näher über kulturelle Themen wie New Work austauschen oder Du suchst nach Ideen für Deine Organisation/Dein Team? Dann schreibe mich gerne an: wandel@domenika-rinke.de